Eine Ära endet — aber beginnt eine bessere? Cristiano Ronaldo dominierte den portugiesischen Fußball über zwei Jahrzehnte. Sein Name war Portugal, und Portugal war sein Name. Bei der WM 2026 wird Ronaldo 41 Jahre alt sein, und die Frage, die den portugiesischen Fußball seit Jahren beschäftigt, bekommt ihre endgültige Antwort: Kann Portugal ohne seinen größten Spieler ein großes Turnier gewinnen — oder sogar besser spielen als mit ihm? Die EM 2024 gab einen Vorgeschmack: Portugal schied im Viertelfinale gegen Frankreich aus, und die Momente, in denen Ronaldo auf dem Platz stand, waren nicht die besten der Mannschaft. Die jüngere Generation — Bernardo Silva, Bruno Fernandes, Rafael Leão — spielte freier und effektiver, wenn das Spiel nicht auf Ronaldo ausgerichtet war. Die WM 2026 ist die Chance, diese Befreiung in Ergebnisse umzuwandeln.

Wie hat Portugal sich entwickelt?

Portugals Weg durch die WM-Qualifikation war eine Mischung aus souveränen Siegen gegen schwächere Gegner und dem schleichenden Prozess, eine neue taktische Identität zu finden. Der Trainer steht vor der Aufgabe, ein System zu etablieren, das die individuellen Stärken von Bernardo Silva, Bruno Fernandes und Rafael Leão maximiert — drei Spieler, die unterschiedliche taktische Anforderungen haben und in verschiedenen Systemen funktionieren. Die Qualifikation war der erste echte Test dieser neuen Konstellation über einen längeren Zeitraum.

Die Qualifikation zeigte, dass Portugals Offensive auch ohne Ronaldo genügend Tore erzielt — die Tordifferenz war deutlich positiv, und die Chancenkreation verteilte sich auf mehrere Schultern statt auf einen einzelnen Spieler. Das ist ein fundamentaler Unterschied zu den letzten 15 Jahren, in denen Portugals offensives Spiel durch Ronaldos Position und Bedürfnisse definiert war. Ohne die Notwendigkeit, jeden Angriff über Ronaldo laufen zu lassen, kann Portugal Flügelangriffe über Leão und Diogo Jota fahren, Fernandes als Spielgestalter hinter der Spitze einsetzen und Bernardo Silva als falschen Neuner nutzen — eine taktische Variante, die Gegner vor Zuordnungsprobleme stellt.

Die taktische Vielfalt ist größer als in den letzten 15 Jahren — und das ist ein Vorteil, den die Quoten noch nicht vollständig einpreisen. Was die Qualifikation auch zeigte: Die Defensive mit Rúben Dias und dem aufstrebenden António Silva bietet Champions-League-Qualität, und Diogo Costa im Tor hat sich als zuverlässiger Keeper etabliert, der bei Elfmeterschießen einen kühlen Kopf bewahrt — seine Paraden in der Champions League für den FC Porto haben bewiesen, dass er auch unter extremem Druck funktioniert. Die Außenverteidiger-Positionen bleiben ein Sorgenkind — ein Bereich, in dem Portugal nicht mit den Topteams mithalten kann und in dem schnelle Flügelspieler wie Mbappé oder Yamal gefährlich werden.

Post-Ronaldo-Ära — Wer übernimmt die Verantwortung?

Die zentrale Frage im portugiesischen Kader ist nicht die Qualität — die ist vorhanden —, sondern die Hierarchie. Wer ist der Anführer, wenn Ronaldo nicht mehr da ist? Bernardo Silva bei Manchester City ist der technisch versierteste Spieler im Kader und bringt die Erfahrung von sechs Premier-League-Titeln und einer Champions-League-Trophäe mit. Seine Fähigkeit, auf engstem Raum Lösungen zu finden und das Tempo des Spiels zu diktieren, macht ihn zum idealen Spielgestalter — aber seine ruhige Art ist das Gegenteil von Ronaldos charismatischer Führung. Bruno Fernandes bei Manchester United ist der emotionale Anführer, der Spiele mit seiner Intensität und seinen Toren entscheiden kann — aber auch der Spieler, der in den entscheidenden Momenten überdrehen und Fehler erzwingen kann. Bei der EM 2024 war Fernandes inkonstant: brillant in einem Spiel, unsichtbar im nächsten.

Rafael Leão bei AC Milan hat das Talent, um der Unterschiedsspieler zu sein, den Portugal bei einer WM braucht — seine Geschwindigkeit und seine Dribblings sind auf Weltklasseniveau, aber seine Inkonstanz ist ein Risikofaktor, der in K.o.-Spielen zum Problem werden kann. Leão ist ein Spieler, der in 90 Minuten zehn brillante Sekunden und 89 durchschnittliche Minuten liefern kann — und bei einer WM reichen diese zehn Sekunden manchmal aus, und manchmal nicht. Im Mittelfeld bietet Vitinha bei PSG eine elegante Lösung für die Spielgestaltung — sein Passspiel und seine Ballkontrolle unter Druck erinnern an die besten portugiesischen Mittelfeldspieler der Vergangenheit. João Neves, ebenfalls bei PSG, bringt eine Dynamik und Zweikampfstärke mit, die das Mittelfeld komplett macht.

Die Kadertiefe ist auf den offensiven Positionen exzellent — Portugal hat die Qual der Wahl zwischen Leão, Jota, Gonçalo Ramos, Pedro Neto und Francisco Conceição. Auf den defensiven Positionen sieht es weniger üppig aus: Die Außenverteidiger-Positionen waren schon bei der EM 2024 eine Baustelle, und an der Situation hat sich wenig geändert. Cancelo ist eine offensive Waffe, aber defensiv ein Risikofaktor — ein Dilemma, das Portugals Trainer bei der WM lösen muss, ohne die offensive Qualität zu opfern.

Gruppe K — Kolumbien als gefährlichster Gegner?

Portugal trifft in Gruppe K auf Kolumbien, Usbekistan und die DR Kongo — eine Gruppe, die auf dem Papier machbar aussieht, aber mit Kolumbien einen ernstzunehmenden Gegner enthält. Die Kolumbianer haben unter Néstor Lorenzo eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht und bei der Copa América 2024 das Finale erreicht. Luis Díaz bei Liverpool und James Rodríguez — der bei großen Turnieren immer noch zaubern kann, obwohl seine Vereinskarriere schwankt — machen Kolumbien zu einem Gegner, den Portugal nicht unterschätzen darf. Kolumbiens Stärke liegt in der Kombination aus technischer Qualität im Mittelfeld und physischer Robustheit in der Defensive — ein Profil, das europäischen Teams traditionell Probleme bereitet.

Usbekistan als Debütant ist eine unbekannte Größe — das Team hat sich über die asiatische Qualifikation durchgesetzt und bringt die Begeisterung und Energie eines ersten WM-Auftritts mit. Die DR Kongo verfügt über schnelle, physisch starke Spieler, die in der Ligue 1 und der belgischen Liga spielen, und kann in Einzelspielen überraschen. Für Portugal sollte der Gruppensieg Pflicht sein, und die Quoten dafür liegen bei 1.40 bis 1.60 — fair bewertet angesichts der Kaderqualität.

Das Spiel gegen Kolumbien wird der Gradmesser für Portugals Turnierform, und die Quoten für dieses Einzelspiel dürften ein enges Spiel widerspiegeln — ich erwarte Quoten um 2.20 für einen portugiesischen Sieg, was zeigt, dass die Buchmacher Kolumbien ernst nehmen. Aus Wettsicht sind die Gruppenspiele Portugals weniger interessant als die Frage, was in der K.o.-Phase passiert — kann ein befreites, post-Ronaldo-Portugal gegen eine europäische Topnation bestehen? Die Antwort auf diese Frage wird nicht in Gruppe K gegeben, sondern frühestens im Achtelfinale.

Portugal-Quoten — Fair oder zu hoch?

Mit Quoten zwischen 15.00 und 20.00 wird Portugal als Außenseiter der zweiten Reihe gehandelt — hinter den etablierten Top-6-Teams, aber vor den meisten anderen Nationen. Für den Europameister von 2016 und den Nations-League-Sieger von 2019 ist das eine bescheidene Einordnung, die den Generationenwechsel widerspiegelt. Die Quoten basieren auf der Unsicherheit, die jeder Umbruch mit sich bringt — und auf der berechtigten Frage, ob ein Team ohne einen klaren Anführer wie Ronaldo bei einer WM bestehen kann. Der Vergleich mit Spanien nach der Ära Xavi/Iniesta ist aufschlussreich: Spanien brauchte fast ein Jahrzehnt, um nach dem Abgang seiner Schlüsselspieler wieder konkurrenzfähig zu werden. Portugal hat den Vorteil, dass der Umbruch schleichend verlief — Ronaldo wurde nicht von heute auf morgen ersetzt, sondern seine Rolle wurde über mehrere Turniere hinweg graduell reduziert.

Mein Value-Assessment: Portugal ist bei Quoten über 17.00 ein interessanter Value-Pick für Wetter, die an den Generationenwechsel glauben. Die Mannschaft hat die individuelle Qualität für ein Halbfinale, und die Befreiung vom Ronaldo-Druck könnte das taktische Potenzial freisetzen, das unter dem Ronaldo-System jahrelang brachlag. Portugal erreicht das Viertelfinale bei Quoten um 2.50 bis 3.00 ist mein bevorzugter Markt — machbar genug, um realistisch zu sein, und hoch genug, um attraktiven Value zu bieten. Die Outright-Wette auf den Titel sehe ich nicht als Value — dafür ist die Hierarchie-Frage zu ungeklärt und die Außenverteidiger-Position zu schwach besetzt.

Mythos: „Ohne Ronaldo ist Portugal eine normale Mannschaft“

Dieser Mythos ignoriert die Qualität des aktuellen portugiesischen Kaders. Portugal hat mehr Spieler in den europäischen Top-5-Ligen als fast jede andere Nation — die Eredivisie, die Ligue 1, die Premier League und die Serie A sind voll von portugiesischen Talenten. Der EM-Sieg 2016 wurde nicht von Ronaldo allein gewonnen — er verließ das Finale verletzt, und Portugal gewann ohne ihn. Der Nations-League-Sieg 2019 basierte auf einem Kollektiv, nicht auf einem Einzelspieler. Portugal ohne Ronaldo ist nicht schwächer — es ist anders. Und dieses „Anders“ könnte bei der WM 2026 genau der Befreiungsschlag sein, den der portugiesische Fußball braucht.

Mein Verdikt — Portugals Chance auf den Neuanfang

Portugal bei der WM 2026 ist die spannendste Erzählung im Turnier: Eine der talentiertesten Nationen der Welt, befreit von der Last ihres größten Spielers, auf der Suche nach einer neuen Identität. Wenn Bernardo Silva, Bruno Fernandes und Rafael Leão zusammenfinden und das Beste aus ihren jeweiligen Stärken kombinieren, ist Portugal ein Dark Horse, der jeden Favoriten schlagen kann. Wenn die Hierarchie-Frage ungelöst bleibt und die Mannschaft ohne klare Führung ins Turnier geht, droht ein frühes Aus, das dem Ausscheiden bei der WM 2022 ähnelt. Meine Prognose: Achtelfinale sicher, Viertelfinale als realistisches Ziel, Halbfinale bei optimalem Turnierverlauf. Portugal ist kein Favorit, aber ein Team, das man auf der Rechnung haben muss. Der Teams-Überblick zeigt, wo Portugal im Vergleich zu den 48 Teilnehmern steht.